Grafikdesigner machen keine Bilder – sie lösen Probleme
… oder: In letzter Zeit beginnen erstaunlich viele Unternehmensprobleme mit dem Satz: „Wir brauchen ein neues Logo.“
Wenn Unternehmen glauben, sie bräuchten nur ein neues Logo
Meeting-Montag im Büro, der Beamer wirft schon mal die Präsentation an die Wand. Das halbe Team ist versammelt, der erste Kaffee ebenfalls.
Heinz aus der Akquise schaut die Leinwand an und sagt: „Unser Logo ist echt unterirdisch.“
Damit ist die Tagesordnung offiziell neu sortiert. Thema: Gestaltung.
Und es fängt meist harmlos an. Niemand sagt: „Wir haben ein strukturelles Wahrnehmungsproblem in unserer Außenkommunikation.“
Das wäre erstaunlich präzise, aber so redet keiner. Stattdessen hörst du Sätze wie eben: „Unser Logo ist echt unterirdisch.“ Oder „Unsere Website funktioniert irgendwie nicht.“ Oder „Wir sind eigentlich gut, aber das kommt nicht so rüber.“
„Eigentlich“ und „kommt nicht rüber“ sind erstaunlich diffuse Ausdrücke für ein klares Problem.
Gemeint ist meistens ungefähr Folgendes: „Menschen verstehen uns nicht. Sie vertrauen uns nicht. Sie erinnern sich nicht an uns. Sie klicken nicht, sie kaufen nicht – und anrufen tun sie schon mal gar nicht.“
Darüber gesprochen wird allerdings selten bis gar nicht. Gesprochen wird über Farben, über Schriften oder über das Logo, das „unterirdisch ist“.
Die Website sieht aus wie die Halle von den Ludolfs: Firmenfarbe, Typografie oder ein Designkonzept sind nicht zu erkennen.
Aber: „Unser Logo ist unterirdisch.“ Ja. Logisch. Da hängt‘s.
Warum Gestaltung selten mit Farben beginnt
Und hier beginnt dann die eigentliche Arbeit. Nicht mit Farben und auch nicht mit Schriften.
Als Grafiker stellst du Fragen: „Wer seid ihr eigentlich? Nein, nicht in der Version aus dem Pitchdeck. Nicht in der Version von der Website, sondern wirklich. Und wen wollt ihr erreichen?“
Das klingt einfacher, als es ist, denn Unternehmen wissen sehr genau, was sie anbieten.
Warum sich aber jemand dafür interessieren sollte, deutlich seltener.
Wahrnehmung entscheidet über Vertrauen
Wenn ein Steuerberater aussieht wie ein Start-up aus einem WG-Zimmer, wird man vorsichtig. Wenn ein Tech-Unternehmen aussieht wie eine Behörde aus den 80ern, ebenfalls.
Das Angebot bleibt identisch, nur die Wahrnehmung nicht.
Und genau darum geht es bei Gestaltung.
Von außen sieht es später oft so aus, als würdest du ein Logo entwickeln. In Wirklichkeit passiert etwas deutlich Unromantischeres.
Du sortierst Inhalte, streichst Überflüssiges und du versuchst herauszufinden, was ein Unternehmen eigentlich sagen möchte – und was davon besser nicht gesagt wird.
Erst danach entsteht Gestaltung.
Spätestens hier fragt Heinz aus der Akquise: „Aber das Logo machen wir trotzdem neu, oder?“
Was Grafikdesigner tatsächlich tun
Am Ende liegt tatsächlich ein Logo auf dem Tisch oder eine Website oder eine Broschüre. Das sind die sichtbaren Teile der Arbeit. Der größere Teil ist längst vorher passiert.
Grafikdesigner machen deshalb keine Bilder.
Sie bauen Schnittstellen zwischen Unternehmen und Menschen, die wenig Zeit haben – und noch weniger Geduld. Wenn diese Schnittstellen nicht funktionieren, hilft nicht einmal das beste Produkt. Und auch nicht die beste Idee.
Und meistens nicht einmal der gute Kaffee im Besprechungsraum, obwohl erstaunlich viel Hoffnung auf ihn gesetzt wird.
Sichtbar machen kann jeder.
Gestaltung beginnt dort, wo etwas verstanden wird.
Gestaltung ist kein dekorativer Bonus, sondern die Voraussetzung dafür, dass jemand überhaupt zuhört.
