Warum Canva Affinity gekauft hat
Canva und Affinity – zwei Räume in einer Werkstatt
… oder: In letzter Zeit gestalten erstaunlich viele Menschen erstaunlich viele Dinge.
Es gibt Werkzeuge, die dir Arbeit abnehmen. Und es gibt Werkzeuge, die dir Verantwortung geben.
Du sitzt vor dem Rechner. Die Kaffeemaschine hat bereits Überstunden gemacht, aber irgendwo auf deiner To-Do-Liste steht noch eine kleine Grafik an.
Nichts Großes, ein Poster vielleicht oder eine PowerPoint oder einfach ein Worksheet. Auf jeden Fall was, das morgen raus muss.
Also öffnest du Canva. Die Software wirkt echt unaufgeregt. Fast so, als hätte sie diese Situation schon sehr oft erlebt und keinerlei Zweifel daran, dass am Ende etwas halbwegs Anständiges auf deinem Bildschirm stehen wird. Vorlagen erscheinen, viele Vorlagen. Sehr viele Vorlagen. Gestaltung wirkt plötzlich ein bisschen wie ein Buffet. Du nimmst etwas hiervon, etwas davon. Du verschiebst ein Bild, dann ersetzt du einen Text. Zehn Minuten später existiert etwas, das vorher noch nicht da war. Und es sieht erstaunlich professionell aus. Der Bemerkenswerteste daran ist: Du hast kaum etwas entschieden. Und trotzdem funktioniert es.
Genau das ist die große Stärke von Canva.
Warum Canva für viele der Einstieg ins Gestalten ist
Das Programm versteht etwas, das klassische Designsoftware lange ignoriert hat: Du willst meist gar nicht gestalten; du willst einfach, dass etwas fertig wird.
Möglichst schnell und möglichst ohne ein ausuferndes Typografiestudium. Und Canva liefert genau das. Es ist gewissermaßen das IKEA der Gestaltung. Du gehst hinein, nimmst ein paar Kartons aus dem Regal, folgst einer halbwegs selbsterklärenden Anleitung – und plötzlich steht ein fertiger Tisch im Zimmer.
Dieser Tisch ist nicht gerade einzigartig. Aber er wackelt zumindest nicht. Und eine Schraube übrig hast du meistens auch. Für sehr viele Anwendungen ist das häufig völlig ausreichend. Genau deshalb ist Canva so erfolgreich geworden.
Doch irgendwann taucht ein anderer Gedanke auf. Er beginnt leise und wird mit der Zeit erstaunlich hartnäckig.
Der Moment, in dem einfache Design-Tools nicht mehr reichen
Schon wieder sitzt du vor dem Bildschirm.
Und wiederum öffnest duCanva. Du klickst dich wieder durch Vorlagen. Und plötzlich merkst du: Da fehlt etwas. Nicht dramatisch, aber spürbar: Wissen. Du willst ein Logo exportieren – und jemand fragt nach einer Vektordatei. Das Plakat, das du drucken möchtest, braucht plötzlich eine Beschnittzugabe. Die Schrift, die du leicht gebogen hast, wirkt irgendwie … unrund.
Das sind keine Katastrophen, es sind nur kleine Irritationen. So ähnlich wie der Stuhl, der jetzt ein kleines bisschen wackelt. Vielleicht weil jetzt die eine Schraube fehlt…
Und plötzlich merkst du: Gestaltung ist vielleicht doch mehr als ein Layout. Gestaltung hat mit Struktur zu tun. Mit Präzision.
Und mit Entscheidungen, die nicht automatisiert getroffen werden. Genau dort beginnt eine andere Art von „Werkzeug“.
Die Welt der Designsoftware
Programme wie Adobe Illustrator, Photoshop oder InDesign haben diese Welt jahrzehntelang geprägt.
Wolltest du professionell gestalten, kamst du an ihnen kaum vorbei. Das Problem ist nur: Diese Programme wirken ungefähr so einladend wie die Halle von den Ludolfs. Du öffnest sie und stellst fest, dass es hier erstaunlich viele Möglichkeiten gibt, etwas falsch zu machen. Du klickst ein Werkzeug an und das Programm präsentiert zwölf weitere Tools, von denen du nicht einmal wusstest, dass sie existieren. Viele Menschen haben bereits an dieser Stelle beschlossen, dass Gestaltung vielleicht doch ein Beruf für andere Leute ist.
Und genau dann tauchte vor einigen Jahren eine Softwarefamilie auf, die etwas Interessantes versuchte: professionelle Werkzeuge – aber ohne die typische Software-Schwere.
Die Affinity Suite.
Mit Programmen wie Affinity Designer, Photo und Publisher entstand plötzlich etwas, das lange gefehlt hatte: ernsthafte Designsoftware ohne Abomodell und ohne das Gefühl, gerade mit genau Null Flugstunden ein Flugzeug zu starten. Die Programme kamen von einem britischen Unternehmen namens Serif. Sie waren präzise, leistungsfähig und erstaunlich elegant gebaut. Einige Designer bemerkten das. Und nach und nach wechselten immer mehr von ihnen von Adobe zu Affinity.
Diese Entwicklung verlief lange ziemlich unauffällig, bis plötzlich etwas passierte, das viele überraschte.
Warum Canva die Affinity Suite gekauft hat
Im Jahr 2024 kaufte Canva das Unternehmen Serif – also den Entwickler der Affinity Suite.
Du konntest die kollektive Verwirrung beinahe hören. Es war ungefähr so, als würde ein Fahrradhersteller plötzlich eine Maschinenbauwerkstatt übernehmen, und auf den ersten Blick ergab das wenig Sinn: Canva stand für Geschwindigkeit, Vorlagen und einfache Gestaltung, Serif stand für präzise Designsoftware, zwei sehr unterschiedliche Philosophien.
Doch wenn du einen Moment darüber nachdenkst, wirkt der Schritt plötzlich erstaunlich logisch, denn Canva hatte ein strukturelles Problem. Das Unternehmen war unglaublich stark darin geworden, Inhalte schnell produzierbar zu machen, Präsentationen, Social-Media-Grafiken oder Poster waren kein Problem.
Doch sobald Gestaltung wirklich technisch wurde, hörte die Plattform auf, denn Illustrationen, komplexe Layouts, präzise Vektorgrafik oder saubere Druckdaten gehörten nie wirklich zu ihrem Kern. Serif hingegen konnte genau das. Mit der Übernahme hat Canva also nicht einfach Software gekauft, sondern sich eine zweite Werkzeugklasse ins Haus geholt.
Canva oder Affinity – was ist der Unterschied?
Zwei Werkzeuge, zwei Räume
Du kannst dir das vorstellen wie eine Werkstatt mit zwei Räumen. Im ersten Raum steht Canva, es ist hell, freundlich und erstaunlich effizient, Dinge entstehen schnell, du greifst nach einer Vorlage, tauschst ein Bild aus, veränderst eine Farbe und kurze Zeit später liegt etwas Fertiges auf dem Tisch. Im zweiten Raum steht die Affinity-Suite, hier arbeitest du ruhiger, du ziehst Linien, konstruierst Formen, überprüfst Abstände, Dinge entstehen langsamer, wirken dafür aber stabiler, ein bisschen so, als würdest du nicht mehr Möbel zusammenstecken, sondern anfangen, sie selbst zu bauen.
Beide Räume haben ihre Berechtigung
Du beginnst meistens im ersten Raum, denn dort merkst du überhaupt erst, dass Gestaltung Spaß machen kann. Doch irgendwann passiert etwas Merkwürdiges: Du sitzt wieder vor dem Bildschirm, arbeitest an einer Grafik, verschiebst einen Textblock und merkst plötzlich, dass du genauer hinschaust als früher, dass es dich stört, wenn Buchstaben zu dicht stehen, dass Linien plötzlich nicht mehr nur dekorativ sind, sondern exakt sitzen sollen.
Es ist eine leise Verschiebung: Du möchtest nicht mehr nur etwas zusammenstellen, du möchtest verstehen, wie es gebaut ist. Und genau an dieser Stelle tauchen Programme wie Affinity Designer, Photo oder Publisher auf, sie wirken vielleicht etwas komplexer als Canva, aber nicht unfreundlich, sie gehen einfach davon aus, dass du gestalten möchtest, nicht nur ein Layout zusammensetzen, sondern wirklich Entscheidungen treffen.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Logik der Übernahme.
Als Canva Serif kaufte, ging es vermutlich nicht darum, eines dieser Programme zu ersetzen, dafür sind sie zu unterschiedlich gebaut. Interessanter ist die Vorstellung, dass beide Programme Teil derselben Werkstatt werden. Der eine Raum bleibt schnell und unkompliziert, der andere präzise und ruhig, und du bewegst dich irgendwann zwischen beiden. Du beginnst vielleicht dort, wo alles leicht wirkt und Vorlagen helfen, und landest später an einem Tisch, an dem Dinge sorgfältiger gebaut werden. Nicht weil das eine besser wäre als das andere, sondern weil Gestaltung oft mit einem Template beginnt – und irgendwann ein Werkzeug verlangt.
FAQ
Hat Canva Affinity gekauft?
Nein. Canva hat das Unternehmen Serif gekauft, den Entwickler der Affinity Suite.
Gehört Affinity jetzt zu Canva?
Ja, seit der Übernahme von Serif im Jahr 2024 gehört die Affinity-Suite zu Canva.
Was ist der Unterschied zwischen Canva und Affinity?
Canva ist ein Tool für schnelle Layouts und Vorlagen. Die Affinity-Suite ist professionelle Designsoftware für Illustration, Bildbearbeitung und Layout.
