Die verblüffend Lebensdauer schlechter Gestaltung

Warum schlechte Gestaltung manchmal trotzdem funktioniert

 Nicht schön.
Aber seit dreißig Jahren ausgebucht.

… oder: Warum dieses Vereinsplakat seit 1994 unbehelligt an derselben Wand hängt

Du kennst diese Plakate

Sie hängen an Laternenmasten, Vereinsheimen oder irgendwo neben einem Schaukasten, den vermutlich zuletzt jemand geöffnet hat, als Helmut Kohl noch relativ aktuell wirkte. Die Ecken rollen sich leicht nach außen, das Papier hat inzwischen ungefähr dieselbe Farbe wie abgestandener Filterkaffee und irgendwo sitzt ein Foto, das schon beim Aufnehmen vorsichtig angefragt hat, ob es vielleicht lieber privat geblieben wäre.

Drei Schriftarten, fünf Farben, dazu Schatteneffekte aus einer Zeit, in der Computer plötzlich alles konnten und deshalb leider auch alles gemacht wurde. Und trotzdem funktioniert das Plakat. Das Dorffest findet statt, das Konzert ebenfalls und Menschen kommen tatsächlich dorthin, kaufen Kuchen, sitzen auf Bierbänken und sagen Dinge wie: „War richtig schön dieses Jahr.“

Offenbar existiert bei Gestaltung eine bemerkenswert unangenehme Wahrheit: Sie muss nicht gut sein, um zu funktionieren

Das ist zunächst leicht irritierend, vor allem, wenn du gerade versuchst, etwas über Typografie, Weißraum oder visuelle Hierarchien zu lernen und plötzlich feststellst, dass irgendwo seit dreißig Jahren ein Vereinsplakat erfolgreich Menschen mobilisiert, obwohl es aussieht, als hätte Microsoft Word einen kleinen Kreislaufzusammenbruch gehabt.

Und genau deshalb ist gutes Design oft erstaunlich schwer durchzusetzen. Denn schlechte Gestaltung besitzt einen Vorteil, den man nicht unterschätzen sollte: Sie funktioniert meistens gerade lange genug, bis sich alle daran gewöhnt haben.

Irgendwann hinterfragt niemand mehr, warum die Speisekarte aussieht wie ein Laminiergerät auf Klassenfahrt. Niemand fragt mehr, warum die Website gleichzeitig acht Farben und dreißig verschiedene Schriftgrößen verwendet. Es ist einfach da. Und alles, was lange genug da ist, bekommt irgendwann diesen leicht unangreifbaren Status von:
„Das haben wir schon immer so gemacht.“

Gewohnheit ist vermutlich eines der stabilsten Gestaltungssysteme der Welt

Etwa so stabil wie ein Vereinsheim-Schild aus den neunziger Jahren, das längst niemand mehr schön findet, aber eben auch niemand mehr wirklich sieht. Und genau dort wird Gestaltung plötzlich interessant.

Denn die eigentliche Frage lautet nicht: „Ist das gut gestaltet?“, sondern eher: „Warum funktioniert manche Gestaltung sofort — während andere nur deshalb funktioniert, weil wir sie inzwischen aufgegeben haben?“

An genau dieser Stelle beginnt das, was man Gestaltung systematisch verstehen nennt.

Und darum geht es im nächsten Artikel

Grafikdesign lernen – Wie du Gestaltung systematisch verstehst

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