Als Information noch ein Ort war
[ez-toc]… oder: warum ein Strich an einer Höhlenwand manchmal über Leben und Tod entschied.

Ein kurzer Blick auf die Geschichte der Gestaltung – und darauf, warum visuelle Kommunikation lange überlebenswichtig war.
Die Geschichte der Gestaltung beginnt nämlich nicht in Designbüros, sondern sehr viel früher – an einer Höhlenwand.
Wer verstehen will, warum Gestaltung heute wichtig ist, muss überraschend weit zurückgehen.
Die Geschichte der Gestaltung beginnt im Kopf
Stell dir vor, du möchtest wissen, wie man ein Tier erlegt, das deutlich größer ist als du und schlechte Laune hat. Die gute Nachricht: In deiner Sippe gibt es jemanden, der das weiß.
Die weniger gute Nachricht: Dieses Wissen befindet sich ausschließlich in seinem Kopf.
Information war lange Zeit eine sehr persönliche Angelegenheit. Es gab kein Archiv, keinen Cloudspeicher und auch kein „Schick mir mal den Link“. Wenn jemand wusste, wo Wasser zu finden ist, wo die Herden entlangziehen oder welche Beeren nicht sofort zum Exitus führen, dann befand sich dieses Wissen exakt dort, wo sich dieser Mensch befand.
Ging er weg, ging es mit. Starb er, starb es mit.
Das war, aus heutiger Sicht, ein erstaunlich instabiles Datenmanagement. Sicherungskopien waren noch nicht vorgesehen. Wissen ließ sich im Grunde nur auf zwei Arten weitergeben: durch Erzählen – oder durch möglichst langes Überleben.
Heute sitzt du mit einem Gerät in der Hand, das dir innerhalb von Sekunden erklärt, wie du deine Waschmaschine reparierst, Sauerteigbrot ansetzt oder ein mittelalterliches Katapult baust – falls dein Nachmittag noch nicht ausgelastet genug ist.
Information ist heute allgegenwärtig. Früher war sie fragil, lokal und ausgesprochen sterblich. Dieses System stellte sich mit der Zeit als nachteilig heraus. Zum Beispiel dann, wenn derjenige, der wusste, wo die Herde – also quasi die nächste Mahlzeit – entlangzieht, beschloss, morgens nicht mehr wach zu werden.
Wissen, das nur im Kopf existiert, hat ein ernsthaftes Haltbarkeitsproblem.
Dieser Zustand führte regelmäßig zu organisatorischen Schwierigkeiten.
Warum Menschen begannen, Wissen sichtbar zu machen
Also begannen Menschen, ihr Wissen auszulagern. Nicht auf Servern oder in Rechenzentren, sondern in Stein.
Plötzlich tauchten Tiere an Höhlenwänden auf: Jagdszenen und Bewegungsabläufe. Nicht, weil die Tapete noch nicht erfunden war, sondern aus schierer Notwendigkeit. Eine Höhlenwand war also weniger ein Kunstprojekt als eine Form der Datensicherung – allerdings eine mit erstaunlich guter Langzeitarchivierung.
Der Moment, in dem Information den Menschen verlässt
Und mit diesem Schritt passierte etwas Entscheidendes. Informationen lösten sich vom Menschen:
Tausende Jahre später, dieselbe Höhle, dieselbe Wand. Der Zeichner ist längst im Jenseits, seine Jagdgruppe im Nirwana.
Aber die Linien sind noch da.
Und plötzlich verstehst du, ohne den Zeichner je gekannt zu haben, wo er und seine Jäger warten mussten, wo sie laufen konnten – und wo sie besser nicht stehen sollten. Zum ersten Mal kannst du etwas nachvollziehen, ohne dabei gewesen zu sein, ohne denselben Fehler selbst zu machen und ohne den ursprünglichen Erzähler überhaupt zu kennen.
Medien: Speicherorte für Gedanken
Aber damit dieses Wissen nicht dauerhaft an Höhlenwände gebunden blieb, brauchte es schon damals Trägermaterial: Stein, Holz, Pergament, Papier und irgendwann Bildschirme. Wissen wurde also transportfähig. Anfangs noch nicht besonders elegant, aber ausreichend.
Die Materialien wechselten mit der Zeit, das Prinzip blieb.
All diese Materialien sind Medien. Sie halten Ideen und Gedanken fest, auch wenn der Absender längst in den ewigen Jagdgründen ist.
Allerdings speichert ein Medium nicht neutral. Es speichert in Formen, Zeichen, Symbolen und Anordnungen. Und diese entscheiden darüber, ob du den anderen verstehst – oder ratlos vor der Höhlenwand stehst.
Genau jetzt beginnt Gestaltung.
Sobald Information sichtbar wird, braucht sie Struktur. Und Struktur ist keine Geschmacksfrage. Sie kann klar sein oder verwirrend. Eindeutig oder missverständlich. Lesbar oder anstrengend.
Die frühen Menschen hatten kein Corporate Design, keine Gestaltungsraster und ziemlich sicher keinen Workshop mit dem Titel
„Visuelle Hierarchien in steinzeitlichen Kommunikationssystemen“.
Aber sie hatten ein Ziel: Der andere sollte, nein: musste, verstehen. Denn ein missverständliches Zeichen war nicht einfach unschön. Es war gefährlich.
Wenn die Markierung für „hier gibt es Wasser“ so aussah wie „hier lauert ein Säbelzahntiger“, dann war das kein ästhetisches Problem.
Es war ein sehr kurzes Lebensmodell.
Gestaltung entstand also nicht aus dem Wunsch, Dinge hübsch zu machen, sondern aus dem Wunsch, dass Information funktioniert.
Du arbeitest heute nicht mehr mit Fels und Fackellicht, sondern mit Interfaces, Marken, Printprodukten und Systemen. Aber dein Auftrag ist derselbe geblieben. Du übersetzt etwas Unsichtbares in eine Form, die auch dann funktioniert, wenn du nicht danebenstehst.
Seit einigen zehntausend Jahren versucht Gestaltung deshalb genau ein Problem zu lösen: Information soll auch dann funktionieren, wenn derjenige, der sie erstellt hat, längst nicht mehr da ist.
Oder anders gesagt: Gestaltung sorgt dafür, dass Menschen Dinge verstehen, ohne dass jemand sie live erklären muss.
Genau deshalb begann die Geschichte der Gestaltung nicht im Designstudio, sondern an einer Höhlenwand.
